Morality play

Morality play

Öffentlich-rechtliche Politshow als modernes Morality Play
– und die Rolle von Sahra Wagenknecht in diesem Handlungsrahmen

Die mittelalterlichen Theaterformen wie Mysterienspiel oder „morality play“ zeichnen sich dadurch aus, dass die Charaktere klar definiert sind, plakativ entweder gut oder schlecht, nicht als Individuen sondern als Allegorien gezeichnet: Die Handlungen sind vorherbestimmt und der Ausgang des Geschehens ist dem Publikum bestens bekannt. Überraschungseffekte und unerwartete Wendungen gibt es nur im Detail.

Es treten Figuren auf wie „die Liebe“, „der Glaube“, „das Laster“, „das Böse“, „die Gier“, „die Verfressenheit“. Klar typisiert. „Die Gier“ verwandelt sich im Laufe des Stückes nicht zur Bescheidenheit, sondern behält ihren Charakter bei. Und natürlich muss die Gier zum Schluss des Stückes schlecht dastehen. Und die Tugend behält die Oberhand. Das ist die Moral von der Geschichte. Morality play.

Polit-Talkshows sind wie moderne „Morality Plays“ mit festgelegten Charakteren und festgelegtem Ausgang: Es treten auf: der Jungunternehmer, der leider von seiner Arbeit nicht leben kann, die treusorgende Mutter, die ihre Karriere für die Kinder zurück stellt, der Arbeitslose, der sich redlich um einen 1-EURO-Job bemüht, der Wirtschaftsprofessor, der vor der Staatsverschuldung warnt, der christlich-soziale Politiker, der Bundespräsident wurde, weil er eine weiße Weste trug, der sozialdemokratische Politiker etc. Schon bevor die Figuren in die Diskussion einsteigen, wird ihre Position durch einen typischen Satz als Untertitel eingeblendet: „Emma Meier, arbeitslos, fordert mehr Geld für Hausfrauen.“ Das Publikum weiß Bescheid, „Aha, das ist nun also die arbeitslose Hausfrau und sie wendet sich gegen die zu geringe Unterstützung durch den Staat.“ Und dann ist da auf der Gegenseite der christlich-demokratische Finanzpolitiker: „Hans Fisch, Finanzpolitiker, CDU: Es ist nicht möglich, die Unterstützung für arbeitslose Frauen weiter zu erhöhen, das gibt der Bundeshaushalt nicht her und weitere Schulden kommen nicht in Frage.“ „Aha,“ das Publikum weiß wieder Bescheid, „dies ist also der Gegenspieler von Emma Meier und er sorgt sich um die Bundesfinanzen“

Und daran ändert sich auch nichts im Lauf der Sendung. Niemand ändert seine Meinung, läßt sich überzeugen, geht auf die Argumente der Gegenseite ein und erkennt, nicht ganz Recht zu haben.
Selbst in weiteren Folgen der Politshows bleiben die Akteure sich treu, wer einmal Nein gesagt hat, soll auch in der nächsten Sendung Nein sagen, wer einmal warnend die Hand vor dem Schuldenmachen des Staates erhebt, erhebt sie auch in allen weiteren Sendungen. Nur dazu ist er oder sie eingeladen, sonst kommt ja das „ausgewogene Meinungs-Gleichgewicht“ der Sendung durcheinander.

Interessant ist die Rolle von Sahra Wagenknecht: Anfangs spielte sie „Die schöne Kommunistin“, attraktive Versuchung – wie das mittelalterliche Laster, sie propagiert den Kommunismus, der einen mit Versprechungen und Attraktivität zu betören sucht und ins Verhängnis reißt. „Aber das wird natürlich ein schlimmes Ende nehmen,“ weiß das Publikum, „schließlich hat man ja an der DDR gesehen, dass der Kommunismus zu einem Leben in Armut und Gefangenschaft führt.“
Nun wird Sahra Wagenknecht seit Kurzem in den Talkshows und Medien eine neue Rolle zugewiesen, und das ist tatsächlich bemerkenswert: „Sahra Wagenknecht, Finanzexpertin, Vizevorsitzende der Bundestagsfraktion DIE LINKE, sie zeigt auf, wie die jetzige Krise zu bewältigen ist: Wir brauchen eine Neuordnung der Finanzwelt, die EZB muss den Staaten zinsgünstige Kredite zur Verfügung stellen, ohne Umweg über die Privatbanken.“ Nichts mehr von „Kommunismus“ und Heraufbeschwören einer verhängnisvollen DDR-Perspektive. Es wird ihr eine neue Rolle zugewiesen und gleichzeitig wird offensichtlich der Versuch unternommen, sie von den „linksextremen Sektierern des Kommunismus“ auf Distanz zu bringen.
Was ist der Hintergrund: Vielleicht ist es so, dass man nicht mehr daran vorbei sehen kann, dass Sahra Wagenknecht mit ihrer Analyse der Finanzkrise Recht hat, schließlich pflichten ihr auch andere, eher konservative Finanzexperten bei, aber es darf natürlich nicht sein, dass eine Kommunistin Recht behält, dieses Etikett muss man ihr nehmen. Wo kämen wir sonst hin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Also gibt man ihr die neue, neutrale Rolle der Finanzpolitikerin oder Finanzexpertin. Und das Publikum weiß wieder Bescheid: „Sahra Wagenknecht, Finanzpolitikerin, plädiert dafür, die EZB als Bank an zu erkennen.“ – Das klinkt doch gar nicht mehr so gefährlich. So versucht man, „die schöne Kommunistin“ zu zähmen. Modernes Morality play also.