Bei «noXno» erfahren Kinder in Selbstbehauptungskursen ihre Stärken

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Bei «noXno» erfahren Kinder in Selbstbehauptungskursen ihre Stärken

Von Nele Boehme

Tiergarten. Der zwischenmenschliche Umgangston wird schroffer. Kinder zocken von Gleichaltrigen Taschengeld oder coole Turnschuhe ab. Gepetzt wird nicht – aber oft wissen die Jugendlichen nicht, wie sie sich gegen die Gewalt – ob auf der Straße, in der Schule oder im Elternhaus – wehren sollen. Statt klassischer Selbstverteidigungskurse befürworten Sozialpädagogen und Polizei Anti-Gewalttraining und Konfliktmanagement-Seminare.

«Es geht darum, bestimmt nein sagen zu lernen und die eigene Meinung zu vertreten, anstatt blind zuzuschlagen oder vor lauter Angst zu erstarren», erklärt der Psychologe Karl Blesken. Er leitet Selbstbehauptungskurse für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die der Bezirk Tiergarten im Rahmen der Kampagne «noXno. Für Kinder. Gegen Gewalt» kostenlos anbietet. In Rollenspielen, Videoaufzeichnungen und Gesprächen lernen Kinder ihre Stärken kennen, sich durchzusetzen und Erwachsene um Hilfe zu bitten. Nach dem Training lässt sich Blesken von jedem Kind in die Hand versprechen: «Ich lasse mir nichts mehr gefallen.»

Es gehe bei allen Selbstbehauptungskursen vor allem darum, dass die Kinder lernen, sich untereinander zu respektieren, erklärt Reinhard Kautz vom Anti-Gewalt-Programm der Polizei. Und dafür sei die Selbstachtung eine wichtige Voraussetzung.

Das Selbstbehauptungstraining ist aus der noXno-Kinder-Hotline – initiiert 1998 von der abgewählten Jugendstadträtin Elisa Rodé (B 90/Grüne) – hervorgegangen und wird bislang nur vom Bezirk Tiergarten angeboten. «Das Besondere dabei ist, dass sich noXno direkt an die Kinder wendet», sagt Ursula Glatz von der berlinweiten Fachgruppe Kinderschutz.

Ein weiterer Ansatz der Gewaltprävention sind Konfliktlotsen. An 50 Schulen werden Kinder bereits dazu ausgebildet – ähnlich wie Schülerlotsen – ihren Mitschülern bei Streit schlichtend zur Hand zu gehen. «Die Idee entstand Anfang der neunziger Jahre», erklärt Initiatorin Ortrud Hagedorn vom Lehrerbildungsinstitut. Konfliktlotsen arbeiten mit den Mitteln der Mediation (Streitschlichtung): Die streitenden Kinder sitzen am Tisch; die neutralen Konfliktlotsen vermitteln. Nur wer einen «Redestein» in der Hand hält, darf etwas sagen, die anderen müssen zuhören, bis Lösungen gefunden werden, die per Handschlag besiegelt werden.

«Ursache der Gewalt sind die Erwachsenen», sagt Kautz, «die immer weniger Vorbilder sind». Oft würden Eltern, Lehrer und Passanten bei Problemen lieber wegschauen, anstatt sich einzumischen. Deswegen bietet die bundesweite Initiative «Schutz vor Gewalt» von Polizeibeamten auch für Erwachsene Seminare zu Zivilcourage, gewaltfreiem Widerstand und Anti-Gewalt-Programmen an. Seit 1992 haben 30 000 Menschen an Selbstbehauptungsseminaren teilgenommen. Die Kurse werden – ironischerweise – aus den Bußgeldern von Strafdelikten finanziert.

Im vergangenen Jahr wurden rund 170 Fälle schwerer Körperverletzung an Schulen gemeldet – dies ist aber nur die Spitze des Eisberges. «Die meiste Aggression findet auf der Straße statt», sagt Bettina Schubert vom Landesschulamt. «50 Prozent der gewalttätigen Kinder leiden unter sexuellem Missbrauch durch Erwachsene», schätzt Frau Glatz. 1998 registrierte die Polizei rund 1300 Fälle. «Das Dunkelfeld ist mindestens doppelt so hoch», sagt Elke Plathe vom Landeskriminalamt.

Auch im Bereich «Sexueller Missbrauch» gibt es Präventionsprojekte. Das mobile Team von Strohhalm bietet in Schulen Workshops an, in denen Kinder lernen – ähnlich wie beim Selbstbehauptungstraining von noXno – sich zu wehren.

Die kommenden Selbstbehauptungskurse von noXno starten am 13. November und finden an sechs Sonnabenden statt. Jeder Termin dauert 1,5 Stunden. Gebührenfreie Informationen unter der Telefonnummer 0800 669 66 76; ein Handbuch mit Adressen für Konfliktlotsentraining in Berlin und Brandenburg gibt es von der Berliner FrauenfrAktion, Tel. 21 75 02 59.

Quelle: Berliner Morgenpost vom 1999-11-08 00:00:00
#http://archiv.berliner-morgenpost.de/bm/archiv1999/991108/bezirke/story2699.html#